Textatelier
BLOG vom: 15.10.2012

Fliegermuseum: Beflügelnde Diskussionen über Flugzeuge

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Repräsentative Vorfahren der jungen Flugzeuge, wie sie heute die Niederungen des Himmels beleben, haben ihr Altersheim beim Flugplatz St. Gallen-Altenrhein in CH-9423 Altenrhein gefunden. Dort hat der Alte Rhein sein Delta angelegt, in geduldiger Auffüllarbeit Land geschaffen und den Bodensee verkleinert, und zum Bau von Deltaflugzeugen inspiriert. Ein langgezogener Hangar, von hohen Metallzäunen geschützt, dient als Unterkunft für Flugzeug-Occasionen, die zum Teil noch verkehrstauglich sind und für Rundflüge gemietet werden können (www.fliegermuseum.ch). Genauso wie wir alten Leute sind auch technische Geräte aus vergangenen Zeiten gelegentlich noch zu gebrauchen, was zuversichtlich stimmt, das Selbstbewusstsein erhöht.
 
Ein Oldie in Person von höchstem Nutzen ist der 82-jährige Walter Waltenspühl, der als Museumskonservator wirkt und für Museumsführungen zuständig ist (Eintritt: 10 CHF, Gruppenführungen bis 20 Personen 100 CHF). Der Mann mit dem schlohweissen Haar und dem gewinnenden Gesichtsausdruck verkörpert den Idealfall von einem sachkundigen Begleiter, war er doch jahrzehntelang als Flugzeugmechaniker und Pilot im Einsatz. Komplexe Flugzeugmotoren liest er wie offene Bücher. Er kennt nicht nur jede Schraube und jede Leitung, er leimt auch einmal einen nach aerodynamischen Gesetzen verbogenen Holzpropeller zusammen und befasst sich nicht nur mit der Geschichte des Flugplatzes Altenrhein, sondern gerade auch mit dem Geschehen auf nationaler und globaler Ebene.
 
Gedanken an den „Gripen“
Im Umfeld der Bemühungen zur Beschaffung neuer Kampfflugzeuge für die Schweizer Verteidigungsarmee sind wir pflichtbewussten, alpinen Volksdemokraten in den letzten Monaten alle zu kompetenten Luftwaffenexperten umfunktioniert worden, die jetzt wissen, was ein „Gripen“ ist (hat nichts mit der Grippe zu tun. Übersetzt man GRIPE vom Englischen ins Deutsch, landet man bei Bauchschmerzen und bei Mecken, sehr passend.)
 
Selbst meine unkundige Wenigkeit, welche die Fliegerei eigentlich nur aus den insektizidverpesteten Bäuchen von riesigen Passagierflugzeugen kennt, kann jetzt aus dem Stegreif aufsagen, dass der Gripen seine Geburt und Jugend bis zur Pubertät im schwedischen Linköping durchlebt und dass das Gripen F“-Demonstrator-Flugzeug nach einem zweistündigen Direktflug am 03.10.2012 in Emmen bei Luzern gelandet ist, um seine Flugkünste auf der Axalp zur Schau zu stellen.
 
Der Bundesrat hatte bereits vor einiger Zeit beschlossen, 22 Kampfflugzeuge dieses Typs „Saab JAS 39E/F Gripen“ für 3,126 Milliarden CHF zu beschaffen, dies als Ersatz für die „Northrop F-5 Tiger II„-Maschinen, welche den heutigen operationellen Anforderungen nicht mehr genügen sollen, wie aus dem Bundeshaus zu erfahren war. Der Fachmann Waltenspühl seinerseits ortet noch heute gute Seiten am „Tiger“, möchte diese Flugzeuge also nicht gleich ausrotten, wie es mit den Tigern auf freier Wildbahn sonst nur allzu gern geschieht.
 
Zuvor, also vor der Tiger-Zuwanderung, hatte der Abfangjäger „Dassault Mirage IIIS“, ein klassischer Deltaflügler, ab 1964 während 35 Jahren Militärdienst geleistet. Das Flugzeug, das von Flugfans als „schönster Überschalljet aller Zeiten“ liebkost wird, bringt es in grosser Höhe auf 2400 Stundenkilometer (maximale Steigleistung: 66 m/sec). Solch ein Mirage Tiger ist im Altenrheiner Flugzeug-Zoo zu bewundern, und zwar nicht einfach als Luftspiegelung, als Fata Morgana, worauf der Name Mirage hinweist. Andere Pioniere des Jet-Zeitalters wie der „DeHavilland Vamoire“ und der „Venom“ sind ebenfalls gern gesehene Insassen des Fliegereimuseums, das die Kühnheit und Begabung der Konstrukteure beweist.
 
Man erspürt in diesem Museum die rasante Geschichte der Luftfahrttechnik am Beispiel älterer Maschinen, wobei einige den Eindruck erwecken, sie kämen aus einer Bastelwerkstatt. Auch der bekannteste Doppeldecker der Welt, das amerikanische Marineschulflugzeug „Boeing Stearman“, und der formschöne „Jet Hawker Hunter“ stehen im Hangar herum – bereit zum Anfassen.
 
Unsere Männerreisli-Gesellschaft, mit technischem Grundwissen mit Ausnahme von mir reich ausstaffiert, setzte in dieser Sphäre, in der die Schwerkraft von tonnenschweren Maschinen ausser Betrieb gesetzt wird, zu Höhenflügen der Begeisterung an. Und ich hätte nicht erwartet, dass in der pensionierten Person des mitreisenden Daniel (Dani) Plattner aus Oberentfelden AG, ehemaliger Versicherungsgeneralagent, ein Jungpilot zum Vorschein kommen würde. Er hatte auf dem Flugplatz Basel-Mulhouse einen ehemaligen Piloten, der im 2. Weltkrieg abgeschossen worden war, als Fluglehrer, den er als ihm wohlgesinnter, aber auch herausfordernder „harter Hund“, bezeichnete. Dani hatte nämlich als 17 ½-jähriger Bursche ein Inserat gelesen, laut dem man sich für den fliegerischen Vorschulunterricht fürs Militär melden konnte. Er musste Zeugnisse einsenden und einen sportlichen Leistungstest bestehen. Und danach wurde er in Zürich von einem Psychiater auf Herz und Nieren geprüft. Das alles wurde von ihm als einzigem von 20 Baselbieter Kandidaten bestanden. Nach mehreren Wochen traf das Aufgebot zur ersten Flugstunde ein. Doch musste dieser hoffnungsvolle Pilotennachwuchs bald einmal aus familiären und finanziellen Gründen das Handtuch bzw. die Pilotenmütze werfen. Doch hatte er einen Passepartout für den ganzen Flughafen und die Gelegenheit, den „Piper“ und den „Bücker-Jungmann“ zu fliegen.
 
„Gripen“-Aktualisierungen
Bei solchen Gelegenheiten, wenn die Geschichte noch aktive Bezüge zur Gegenwart aufbringt, wird einem immer wieder bewusst, wie wenig tief sie in die Vergangenheit hinein reicht und mit welchem Tempo die Technologe davonrast. Deshalb wäre es zweifellos eine schwere Unterlassungssünde, die Konstruktion eines neuen Kampfjets nicht ständig auf dem Stand der Technik zu halten, zumal die „Gripen“-Auslieferung erst in den Jahren 2018/19 beginnen wird, wenn alles gut geht. Als Überbrückung und um die müden „F/A-18“-Jets zu entlasten, wird die Schweiz zwischen 2016 und 2020 Flugzeuge mieten: 8 „Gripen C“ und 3 „Gripen D“.
 
Doch die Schweiz-, Armee- und damit auch Luftwaffe-Abschaffer aus dem politischen Links- und bis hinein ins Links-Mitte-Lager machen genau das, dass die technologische Entwicklung ständig berücksichtigt werden soll, dem aufrechten Bundesrat Ueli Maurer (SVP) zum Vorwurf, nachdem auf der Korruptionsschiene nichts herangeführt werden könnte. Der Mitkonkurrent der Daussault Aviation mit Sitz in Saint-Cloude bei Paris war mit dem Flugzeugtyp  „Rafaele"  im Rennen beteiligt und offerierte der Schweiz diesen Kampfjet zum gleichen Preis wie die Schweden den Gripen, war aber im Evaluationsverfahren ausgeschieden. Ob der französische, sozialistische Staatspräsident François Hollande die Schweiz deshalb seine Verachtung spüren lässt, bewegt sich im Dunst der Vermutungen.
 
Der „Gripen“-Beschaffung bläst ein steifer Gegenwind entgegen, was nicht anders zu erwarten war. Für alle heutigen Guten ist eine moderne Landesverteidigung schlicht und einfach böse. Sie übersehen, dass es in dieser Zeit, in der Amerika auf der ganzen Welt Eroberungskriege anzettelt und führt, Rohstoffe und Geld zusammenstiehlt, wo immer es etwas zu holen gibt, eine noch weitergehende Armeeminimierung verheerend sein müsste.
 
Der P-16
Doch nach wie vor werden immer wieder Widrigkeiten zusammengebastelt, die verhindern sollen, dass unsere Verteidigungsarmee mit hauseigenem Gerät aufgerüstet werden kann ... die Unabhängigkeit muss auf allen Ebenengekillt werden. Ein bilderbuchmässiges Beispiel dafür ist die legendäre „FFA P-16“, von dem im Museum ein Triebwerk ausgestellt ist. („SAPHIR SA 7“), das 1460 kg wiegt und das 1957 von Armstrong Siddeley in Grossbritannien hergestellt wurde.
 
Nach der N-20 raffte sich die Schweiz auf, ein eigenes strahlgetriebenes Erdkampfflugzeug zu entwickeln, das mit kurzen Start und kurzen Landebahnen auskam und sich sogar aus Flugzeugkavernen betreiben liess. Die Pylone an den Tragflächen erlaubten das Mitführen von Raketen, Bomben und Napalmbehältern. Mit Hilfe von Fachpersonal aus den ehemaligen Dornierwerken wurden 2 Prototypen gebaut. Bei einem wiederholten Testflug von Hans Häfliger stürzte am 31.08.1955 der 1. Prototyp in den Bodensee ab, weil etwas mit der Treibstoffzufuhr nicht klappte. Und der Prototyp 2 erlitt dasselbe Schicksal am 25.03.1958, weil die Steuerhydraulik ausfiel und es nach offizieller Version aus zeitlichen Gründen nicht mehr möglich war, auf die Notsteuerung umzustellen. In beiden Fällen wurde der Kapitän über den Bordfunk angewiesen, den Schleudersitz zu betätigen und das Flugzeug in den Bodensee abstürzen zu lassen. Der P-16 wurde im Volksmund zum „See-16“ umbenannt, wie ich mich noch lebhaft erinnere.
 
Laut dem Experten Waltenspühl war dieser Befehl zum Versenken eine überstürzte Reaktion; denn es wäre noch möglich gewesen, das Flugzeug ohne Servohilfe zu steuern; er sagte dies bei unserer Besichtigungstour vom 04.10.2012. Jedenfalls beendete dieser Fehlentscheid ein wichtiges und verheissungsvolles Kapitel Schweizer Luftfahrtgeschichte, nicht aber diese Geschichte als solche. Es war, als ob man wegen eines defekten Scheibenwischers die Produktion eines fertig entwickelten Autos einstellen würde.
 
Das Museum regt zum Überdenken an. Ob eine Wachsnachbildung unseres Militärministers Ueli Maurer dereinst für seine Verdienste für eine unabhängige Schweiz zusammen mit einer Gripen-Tragfläche hier ausgestellt werden, werde ich nicht mehr erleben.
 
Andernfalls würde ich noch einmal auf der Westanfahrt nach Altenrhein (Gemeinde Thal SG) fahren. Das lohnt sich gerade in diesen bewegten Zeiten eindeutig. Sogar ein Postauto fährt bis zum Eingang des Museums, erdgebunden und ebenfalls mit Servolenkung.
 
 
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